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Guantanamo-Häftlinge als Versuchskaninchen

Berliner Zeitung
by Andreas Förster
March 3, 2011

 

Menschenrechtler werfen den USA medizinische Experimente an Gefangenen vor. Murat Kurnaz kann die Vorwürfe aus eigener Erfahrung bestätigen

BERLIN. Schlecht sei ihm geworden, wenn der Lagerarzt in Guantanamo Bay ihm wieder einmal eine Spritze verabreicht habe, erzählt Murat Kurnaz. Dann habe er sich übergeben müssen, "richtig elend habe ich mich gefühlt". Und die Tabletten habe er auch nicht vertragen. "Die sind gegen Malaria, haben sie gesagt. Ganz müde wurde ich davon, oder ich bekam Schweißausbrüche und Atemnot."

Es ist das erste Mal, dass Murat Kurnaz von medizinischer Folter im US-Gefangenenlager Camp Delta in Guantanamo Bay auf Kuba spricht. Die Aussagen des heute 28-jährigen Deutsch-Türken decken sich mit jetzt veröffentlichten Ergebnissen zweier Untersuchungen, die amerikanische Rechtsanwälte und die US-Menschenrechtsorganisation Truthout unabhängig voneinander durchgeführt haben. Danach wurden - und werden möglicherweise noch heute - Gefangenen in Guantanamo über Jahre hinweg unter Zwang hohe Medikamentendosen ohne medizinische Notwendigkeit verabreicht. Zudem gibt es auch Hin-weise darauf, dass die Lagerinsassen für Tests von neuentwickelten Arzneien missbraucht worden sein könnten.

Albträume, Psychosen, Panik

Sowohl die US-Anwälte als auch die Organisation Truthout haben für ihre Untersuchung medizinische Studien, Aussagen von Betroffenen und Dokumente des Pentagon ausgewertet. Ein US-Militärarzt nannte demnach den Medikamenteneinsatz in Guantanamo einen Missbrauch, den man als "pharmakologisches Waterboarding" bezeichnen könne.

Den Berichten zufolge wurde den Gefangenen im Camp Delta unter anderem Mefloquin eingeflößt, ein Mittel zur Malaria-Prophylaxe. Auf Kuba gibt es diese Krankheit allerdings nicht, auch eine Übertragung der Malaria-Viren von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Aus diesem Grund bekommen auch die dort stationierten US-Soldaten keine Anti-Malaria-Mittel. Die Untersuchung ergab zudem, dass die verabreichte tägliche Dosis dem Untersuchungsbericht zufolge fünfmal höher lag als die übliche Wochendosis. Sollten mit dem Mittel, wie es die Juristen vermuten, bewusst Nebenwirkungen wie Albträume, Psychosen, Angstzustände und Panikattacken ausgelöst werden, um den Widerstand der Gefangenen zu brechen?

Murat Kurnaz kann sich so etwas vorstellen. Der in Bremen aufgewachsene Deutsch-Türke war 2002 nach Guantanamo verschleppt worden. Vier Jahre später kam er frei, weil sich der Verdacht, er könnte ein El-Kaida-Kämpfer sein, als unbegründet erwiesen hatte. Von Beginn seiner Lagerhaft an sei ihm in Guantanamo mehrmals monatlich Medizin verabreicht worden, bestätigt Kurnaz im Gespräch mit dieser Zeitung. "Häufig kamen sie mit Spritzen", erzählt er. "Anfangs habe ich mich noch gewehrt, aber dann schickten sie das ERF-Team in die Zelle, um mich festzuhalten." Die Teams der Extreme Reaction Force (ERF) sind im Camp Delta eingesetzt, um widerspenstige Gefangene in ihren Zellen mit körperlicher Gewalt und dem Einsatz von Pfefferspray gefügig zu machen. Aus Angst vor Schmerzen habe er sich später widerstandslos spritzen lassen, sagt Kurnaz.

Wogegen diese Spritzen waren, habe man ihm aber nicht gesagt. "Dem medizinischen Personal war es verboten, mit uns zu reden", erzählt er. Auch Tabletten habe es regelmäßig gegeben. "Da sagte mir einmal einer, die seien gegen Malaria." Gewundert habe er sich jedoch darüber, dass er häufig unterschiedliche Tabletten bekam. "Die waren mal weiß, dann wieder farbig. Andere waren rund oder eckig, es gab auch Kapseln, alles durcheinander", sagt er. Bei manchen Pillen habe er keine Wirkungen verspürt, andere hätten ihm heftig zugesetzt. "Ich habe deshalb auch nicht immer die Tabletten runtergeschluckt, sondern sie ausgespuckt, wenn die Leute wieder raus waren aus meiner Zelle." Mitunter sei er aber auch kontrolliert worden, dann musste er den Mund öffnen und der Arzt schaute nach, ob er die Pille auch wirklich geschluckt habe.

Nicht alle Gefangenen hätten die gleichen Medikamente bekommen, berichtet Kurnaz. "Ich kann das zwar nur von meinen Nachbarn sagen, die wie ich in Drahtkäfigen saßen. Aber die bekamen zum Teil völlig andere Pillen als ich." Er habe auch, wenn er durch den Gang an anderen Käfigen vorbeigeführt wurde, gesehen, wie einige Gefangene völlig apathisch dagelegen hätten. "Wir haben immer gesagt, die kriegen ,Soft Pills'", sagt er. Andere seien aufgegangen wie Ballons. "Die hatten dicke Köpfe, dicke Hände, alles war voller Wasser."

Bodensatz in der Milch

Eine richtige medizinische Betreuung habe es dagegen im Lager nicht gegeben. "Ich hatte zwei Jahre lang bohrende Zahnschmerzen, erhielt aber weder Schmerzmittel noch eine Behandlung", erzählt er. Auch habe er häufig unter starken Kopfschmerzen gelitten. "Aber wenn ich Tabletten haben wollte, habe sie nur gesagt, wenn ich aussage, dann bekomme ich auch Medikamente und einen Arzt", sagt er. Andere Gefangene seien auf einen solchen Handel eingegangen. Danach seien sie auch tatsächlich medizinisch betreut worden.

Alle Gefangenen, mit denen er sprechen konnte, seien davon überzeugt gewesen, dass an ihnen neuentwickelte Medikamente oder Drogen ausprobiert würden. "Wir waren Versuchskaninchen, es hat uns bloß keiner gesagt", erklärt Kurnaz. So sei etwa auch in der Tasse Milch, die man ihnen zum Frühstück gegeben habe, immer ein schleimiger dunkler Bodensatz gewesen. "Viele von uns haben das nicht mehr getrunken. Dann gab es Kaffee. Aber da hatte sich unten in der Tasse auch etwas abgesetzt."

Die US-Organisation Truthout vermutet ebenfalls, dass die Insassen des Camp Delta für medizinische und pharmakologische Versuche missbraucht wurden. Sie verweist auf 2008 freigegebene Berichte des Verteidigungsministeriums, wonach die Gefangenen etwa nach der Verabreichung des Malaria-Mittels Mefloquin ausführlich nach Nebenwirkungen befragt wurden. Die sei offenbar zu Dokumentationszwecken geschehen.

Vom Kongress abgesegnet

Laut Truthout seien solche Tests auch offiziell von der US-Regierung genehmigt worden. So habe der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz im März 2002 ein entsprechendes geheimes Memorandum verfasst. Es habe die genehmigung erteilt, Insassen von Guantanamo neuartige Medikamente auch ohne die sonst vorgeschriebene "informierte Zustimmung" zu verabreichen. Voraussetzung dafür sei, dass dies der Entwicklung neuer medizinischer Produkte für das Militär diene. Der damalige US-Präsident George W.Bush habe zudem das Gesundheitsministerium angewiesen, entsprechende Unterlagen als "geheim" einzustufen.

Für Kurnaz' Anwalt Bernhard Docke sind die neuen Enthüllungen über medizinische Versuche an wehrlosen Gefangenen in Guantanamo "ein fundamentaler Verstoß gegen ärztliche Ethik und geltendes Recht". Ein Skandal sei es, dass dies ohne juristische Folgen bleibe. "Mit dem vom US-Kongress 2006 erlassenen Military Commission Act", erklärt Docke, "hat sich die Bush-Administration in weiser Voraussicht einen eigenen juristischen Schutzraum erstellt: Ex-Gefangene aus Guantanamo haben gegen die US-Regierung keinerlei Klagerechte auf Schadenersatz."

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